Mein damaliger Freund Matthias und ich unternahmen sehr viel
in dieser Zeit. Eigentlich waren wir ständig unterwegs. Entweder besuchten wir
Freunde und meine Tante samt ihrer Familie oder wir fuhren mit dem Jeep einfach
so durch die Gegend. Benzin war damals ja lange nicht so teuer als heutzutage. Christian,
ein Freund von uns, hatte auch einen Jeep und so fuhren wir dann auch oft
zusammen durch die Pampa. Einmal blieben wir im hohen Schnee stecken und
Christian und seine Freundin zogen uns mit ihrem Jeep wieder raus. Zum Glück
waren sie in der Nähe, denn es war nachts und wir wären da draußen erfroren,
wären wir allein unterwegs gewesen. Handys gab es damals ja noch nicht. Christian
kiffte auch, er hatte allerdings das Problem, dass er an Epilepsie litt und
immer wieder tauchte er mit Blessuren u. a. auch im Gesicht auf, die er sich
zuzog, während er hin und wieder plötzlich einfach umfiel und sich dabei
natürlich meistens verletzte. Er war dann immer kurz bewusstlos und kam wieder
langsam zu sich. Er nahm wohl gelegentlich auch Speed, hat seine Freundin
erzählt und das nervte sie immer total, weil das seine Epilepsie noch
verstärkte. Kiffen machte ihm diesbezüglich wohl keine Probleme. Man konnte
nicht sagen, wann es wieder passieren würde. Eigentlich hätte er auch gar nicht
autofahren dürfen, aber die Krankheit wird er vermutlich bei der
Führerscheinprüfung nicht angegeben haben.
Matthias interessierte sich sehr für die Politik und er war
begeistert von der KPD (Kommunistische Partei Deutschland), die bereits 1956 in
Deutschland verboten wurde. Er ging auch schon vor meiner Zeit zu
Demonstrationen und ähnlichen Veranstaltungen, aber natürlich immer gewaltfrei.
Denn: „Killing for peace ist like
fucking for virginity“! Umweltschutz war ihm auch immer sehr wichtig, nur
das unnötige Autofahren passte da nicht so ganz dazu, aber immerhin warfen wir
keinen Abfall raus oder ließen irgendwo in der Natur unseren Unrat liegen.
Damals war mir das alles jedoch noch nicht so wirklich bewusst, denn ich hatte
sowieso nichts angezweifelt, was Matthias jemals tat oder sagte, schließlich
habe ich durch ihn so viele neue Dinge kennengelernt und er kannte sich überall
aus. Ich war ein kleines Mädchen zwischen 15 und 16 Jahren und er war da schon
19 Jahre alt und hatte mir gegenüber einen enormen Wissensvorsprung, womit er
nicht wirklich hinter dem Berg hielt. Bescheidenheit war diesbezüglich nicht
gerade seine Stärke. Wir besuchten einige Veranstaltungen der
Friedensinitiative. Meine Freundin Sabrina war auch oft dabei. Einer der
Vorsitzenden in der Friedensinitiative unserer Stadt war auch im Stadtrat bei
der SPD tätig und ich kannte ihn gut, denn er war gleichzeitig unser
Geschichtslehrer. Eigentlich hatte ich in der Schule schon immer den Eindruck,
dass er mich sympathisch findet, vielleicht auch deshalb, weil ich eine der
wenigen war, die ihn nicht wegen seinem Stotter-Problem ausgelacht hat, aber
als er mich, Sabrina und Matthias bei den Veranstaltungen der
Friedensinitiative gesehen hat, war er auch in der Schule noch netter zu uns
(Sabrina saß in dem Schuljahr neben mir). Matthias und ich waren damals voller
Enthusiasmus und glaubten, dass wir die Welt verändern können.
Ich führte mit meiner Mutter ewige Diskussionen darüber,
dass Cannabis doch eigentlich legalisiert werden müsste und dass das Kiffen gar
nicht so schlimm ist. Sie wusste nur, dass ich es schon einmal ausprobiert
habe, aber dass ich täglich Haschisch rauchte, wusste sie natürlich nicht (und
auch nicht, dass meine roten Augen damit zu tun hatten). Und die Ahnungen, die
sie in dieser Richtung hatte, verdrängte sie einfach nur, weil eben nichts ist,
was nicht sein darf…!
Es gab damals eigentlich immer nur Haschisch und zwar
hauptsächlich den „Grünen Türken“. Marihuana gab es nur im
Spätsommer zur Erntezeit, wenn jemand in der Gegend draußen im Freien ein paar
Pflanzen angebaut hatte. Diese Home-Grow-Sachen gab es damals noch nicht so
wirklich. Ein befreundetes Pärchen züchtete Marihuana in der Wohnung, aber das
funktionierte auch nur, weil sie eine ganze Zimmerfront aus Glas hatten und
deshalb genug Licht an die Pflanzen gelangen konnte. Ganz selten nur kam man
mal an Gras aus Holland, das sogenannte „Skunk“, heran. Es hat sich schließlich
kaum jemand getraut, es von Holland aus nach Deutschland zu schmuggeln. Man
musste ja immerhin erst einmal über die Grenzübergänge damit kommen… Unser Zeug
zum Rauchen bekamen wir meistens von einem Freund von Matthias und hin und
wieder kam auch Stefan vom Nachbardorf S. vorbei, den Matthias über Christian
kennengelernt hatte. Er hatte immer wieder auch besonderes Haschisch dabei, welches
es nur selten gab, wie z. B. den „schwarzen Afghanen“ oder den „roten
Libanesen“. Das Gramm kostete zu der Zeit standardmäßig 12,50 DM.
Stefan war ganz anders als die sonstigen Freunde von
Matthias, die alle eher öko-mäßig drauf waren und auch so aussahen. Stefan
hingegen war ja eigentlich auch kein Freund von Matthias, sondern eher sein
Dealer. Er hatte oben kurze dunkelrot-gefärbte Haare und die längeren, glatten,
hinteren Haare, die ihm bis zu den Schultern gingen, waren schwarz-gefärbt. Er
war sehr dünn und immer sehr nervös und ständig irgendwie „auf dem Sprung“. Nur
selten blieb er für einen Joint da, wenn er Matthias was verkaufte, was
eigentlich so Sitte war, dass der, der was kaufte, erst einen Joint baute, zu
dem er den Verkäufer einlud. Stefan hatte irgendwie etwas Geheimnisvolles an
sich und er erzählte oft auch von anderen Drogen, wie LSD (Lysergsäurediethylamid) und Kokain,
was er selbst auch konsumierte und wohl auch verkaufte. Naja, irgendwie sah man
ihm auch an, dass er schon härtere Drogen genommen hatte, als nur zu Kiffen.
| LSD in Tablettenform und als Löschblätter |
Eines
schönen Tages kam er wieder zu Matthias und verkaufte ihm drei LSD-Trips. Es
waren „Mikros“ - klitzekleine Tabletten. LSD gibt es sonst auch noch als kleine
Stückchen Löschblätter mit verschiedenen Bildern darauf. In diesem Fall aber
waren es „grüne Sterne“, also winzige grüne Tabletten in Stern-Form. Wir sagten meinem Ex-Freund Robert und einer gemeinsamen
Freundin Rosi Bescheid, weil beide auch schon immer mal LSD ausprobieren
wollten und warteten, bis endlich das Wochenende kam. Wir wussten nicht sehr
viel über LSD, nur, dass es sehr extrem wirkt und dass die Wirkung schon einige
Stunden andauert. Am Samstag trafen wir uns alle vier bei Matthias zuhause und
nahmen die Trips. Robert und Matthias nahmen je eine Stern-Tablette und Rosi
und ich nahmen nur jeweils eine halbe. Es war gar nicht so einfach, so eine
winzige Tablette zu halbieren. Aber schon eine Stunde später war ich heilfroh,
dass ich nur einen halben Trip genommen habe (und ich habe nach dem Erlebnis
auch später niemals einen ganzen Trip geschluckt)! Diese Mikros waren
wahnsinnig stark, habe ich später erfahren und die gab es auch nur kurz. Danach
gab es an Mikros nur noch einmal so „schwarze Zylinder“, die sahen aus wie so
Bleistiftminen und auch da habe ich nur einen halben „Trip geschmissen“.

